Antrag DIE LINKE. an die Verbandsversammlung vom 13. 12. 2023
Beschlussvorschlag:
Die Verbandsversammlung möge beschließen:
Der Verwaltungsausschuss wird gebeten, zu prüfen, ob in Kooperation mit Kommunen, Städten und dem hessischen Sozialministerium, Modellprojekte zu dem Konzept „Housing First“ in der hessischen Obdachlosenhilfe umsetzbar sind.
Der Verwaltungsausschuss wird gebeten, bei der Sozialwohnraumstrategie des Landeswohlfahrtsverbands Hessen das „Housing-First“ Konzept mit einzubeziehen.
Der Verwaltungsausschuss wird gebeten, eine Fachtagung zur Umsetzbarkeit des „Housing-First-Konzepts“ in Hessen zu veranstalten.
Begründung:
Die Grundidee von „Housing First“ entstand in den 1990er Jahren in den USA und wird seit 2008 erfolgreich in Finnland umgesetzt.Auch in New York, Dänemark und Schottland gibt es vergleichbare Ansätze, die jedoch in der Umsetzung nicht ganz so erfolgreich sind und oft keine langfristige Finanzierung haben.
In Deutschland gibt es in verschiedenen Städten Modellprojekte: u.a. wird der Ansatz seit Oktober 2018 in Berlin angewandt. Auch Bremen, Hamburg und Düsseldorf haben „Housing-First-Konzepte“ etabliert.
Der Leitgedanke von „Housing First“ beruht auf der Annahme, dass Wohnen ein Menschenrecht ist und die eigene Wohnung als Schutzraum und Basis für eine erfolgreiche Lebensbewältigung dient.
Dem steht das derzeitig bestehende Stufenmodell der deutschen Sozialgesetzgebung entgegen, in dem ein Umzug zwischen verschiedenen Wohnformen erst nach der Bewältigung verschiedener Problemlagen (Abstinenz etc.) vorgesehen ist.
Man geht vom Notquartier zum Übergangswohnen und dann erst in die eigene Wohnung. Viele Menschen schaffen aber die Übergänge nicht. Die deutsche Sozialgesetzgebung arbeitet mit einem Modell der „Wohnfähigkeit“, was bedeutet, dass andere Probleme, die zur Wohnungslosigkeit geführt haben, zuerst behoben werden müssen und erst dann eine Wohnung bezogen werden soll.
Im Unterschied dazu, müssen sich die Obdachlosen im Rahmen von „Housing First“ nicht durch verschiedene Ebenen der Unterbringungsformen für unabhängige und dauerhafte Wohnungen „qualifizieren“, sondern können direkt in eine „eigene“ Wohnung ziehen.
Die Unterstützung wird bedarfsgerecht in der eigenen Wohnung kontinuierlich angeboten.
Zudem wird auch keine Abstinenz von Alkohol oder anderen Substanzen als Voraussetzung verlangt. Unterstützung und Programme können in Anspruch genommen werden, sind aber nicht verpflichtend.
Der Ansatz basiert darauf, dass eine obdachlose Person oder Familie als Erstes und Wichtigstes eine stabile Unterkunft braucht und andere Angelegenheiten erst danach angegangen werden können, da die Sicherheit und Stabilität einer eigenen Wohnung die notwendige Grundlage dar-stellt.Die konsequenteste Umsetzung des Ansatzes wurde bislang in Finnland erreicht:Seit Einführung von „Housing First“ hat Finnland die Obdachlosigkeit mehr als halbiert, von 8260 im Jahr 2008 auf 3686 Obdachlose im Jahr 2022.
Das finnische Konzept sieht vor, möglichst jedem finnischem Obdachlosen bedingungslos eine Wohnung zur Verfügung zu stellen.
Helsinki ist einige der wenigen europäischen Großstädte, in denen es kaum noch Obdachlosigkeit gibt. Das finnische System ist nach der Anlauffinanzierung sogar wesentlich kostengünstiger, die jährliche Ersparnis wird mit 15.000 Euro pro Fall beziffert.
Literatur zur Thematik:Finnland:https://the-atlas.com/projects/finland-housing-first-homelessnessHousing First: Combatting Long-Term Homelessness in Finlandhttps://academic.oup.com/book/44441/chapter/376664562Finnish but not yet Finished – Successes and Challenges of Housing First in Finlandhttps://www.feantsaresearch.org/public/user/Observatory/2021/EJH_15-3/EJH_15-3_A5_v02.pdfAndere Modellprojekte:New York:https://www.humanplan.nyc/housing-firsthttps://comptroller.nyc.gov/reports/housing-first/Schottland:https://www.gov.scot/collections/housing-first-publications/Modellprojekte in Deutschland:https://vringstreff.de/wohnen-housing-first/fuer-wen-eignet-sich-das-projekt/https://housingfirst.berlin/evaluation/HousingFirst_Evaluationsendbericht_2021.pdfhttps://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Housing-First-Neues-Hilfsangebot-fuer-Wohnungslose-in-Hamburg,obdachlose490.htmlhttps://www.fiftyfifty-galerie.de/projekte/8647/housing-first-dsseldorf-e-vhttps://housing-first-bremen.de